Ernährungskosten nach DGE versus Grundsicherung

Ernährungskosten nach DGE-Empfehlungen 

Kinder von 0–6 Jahren — Analyse zu Marktpreisen 2025/2026

Stand: März 2026 | Quellen: FKE/OMK, Belgardt et al. 2025, BMAS, eigene Erhebung

1. Hintergrund und Fragestellung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Kinder im Alter von 1–6 Jahren die sogenannte Optimierte Mischkost (OMK, früher: optimiX). Dieses vom Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) der Ruhr-Universität Bochum entwickelte Ernährungskonzept gibt konkrete tägliche und wöchentliche Lebensmittelmengen vor.

Die Frage, die sich sozialpolitisch stellt: Deckt der Bürgergeld-Regelsatz für Kinder den tatsächlichen Bedarf für eine solche gesunde Ernährung — zu realen Marktpreisen, wie Familien ohne Auto und ohne Discounterzugang sie zahlen?

Besondere Bedeutung hat dabei die Methodik der Preiserhebung. Eine Ende 2024 im Bundesgesundheitsblatt erschienene Studie (Belgardt et al., 2025) hat die OMK-Kosten erstmals systematisch berechnet — allerdings ausschließlich auf Basis der niedrigsten Regalpreise aus einem Discounter und einem Supermarkt in Bochum. Diese Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Bürgergeld die Kosten zu 101–109 % abdecke. Die methodischen Grenzen dieser Aussage werden in Abschnitt 4 dieser Analyse ausführlich dargestellt.

2. Die OMK-Empfehlungen für 1–6-Jährige

Der 7-Tage-Speiseplan der OMK wurde für die Referenzaltersgruppe der 4–6-Jährigen entwickelt (Energiebedarf: 1.350 kcal/Tag bei geringer körperlicher Aktivität). Für 1–3-Jährige gelten dieselben Lebensmittelproportionen in reduzierter Menge (Faktor ~0,80). Die nachfolgende Tabelle zeigt die empfohlenen Tages- und Wochenmengen:



Tabelle 1: OMK-Mengenempfehlungen und Marktpreise (Supermarkt, März 2026)

Lebensmittel

Menge (OMK)

Kaufeinheit & Preis

Kosten/Tag

Kosten/Monat

Gemüse (frisch, Mischung)

200 g/Tag

1 × 500g-Netz (~1,49 €/Stück)

2,98

89,40

Obst (frisch, Mischung)

200 g/Tag

1 × 1kg-Packung (~2,29 €)

1,60

48,00

Kartoffeln / Nudeln / Reis

180 g/Tag

500g Vollkornnudeln ~1,59 € 500g Kartoffeln ~1,09 €

0,57–0,86

17,10–25,80

Brot / Vollkornbrot

170 g/Tag

750g Vollkornbrot ~3,29 €

0,75

22,50

Milch (3,5 %)

200 ml/Tag

1 L Frischmilch ~1,29 €

0,26

7,80

Joghurt / Quark

150 g/Tag

500g Naturjoghurt ~1,49 €

0,45

13,50

Käse

25 g/Tag

200g Schnittkäse ~2,49 €

0,31

9,30

Fleisch (mager)

40 g/Tag

300g Hähnchenbrust ~3,99 €

0,53

15,90

Wurst

15 g/Tag

200g Aufschnitt ~2,49 €

0,19

5,70

Fisch (frisch/TK)

50 g/Woche

400g TK-Fischfilet ~4,99 €

0,62/Wo.

2,68

Eier

2 Stück/Woche

10er Pack Freilandeier ~3,29 €

0,66/Wo.

2,86

Hülsenfrüchte

ca. 2×/Woche

400g Linsen/Bohnen ~1,29 €

0,32/Wo.

1,39

Pflanzenöl (Raps)

15 g/Tag

750ml Rapsöl ~2,49 €

0,05

1,50

Butter / Margarine

10 g/Tag

250g Butter ~2,29 €

0,09

2,70

Gewürze, Jodsalz, Kräuter

(Schätzung)

div. Packungen

~0,20

~6,00

Vollkorn-Getreideflocken

30 g/Tag (Frühstück)

750g Haferflocken ~1,29 €

0,05

1,50



Preise: Erhebung Supermarkt (Rewe/Edeka-Niveau), März 2026, Packungsgrößen wie im Handel üblich. Nicht berücksichtigt: Lagerkosten, Verderb (~10–15 %), Kochenergie, Abwasch, Transportkosten.

OMK-Quelle: Kersting et al. 2017, Aktuelle Ernährungsmedizin 42:304–315; Belgardt et al. 2025, Bundesgesundheitsblatt 68:160–166.

3. Gesamtkosten im Vergleich zum Bürgergeld-Ernährungsanteil

Der Regelsatz des Bürgergeldes für Kinder von 0–5 Jahren beträgt 357 Euro pro Monat (2025/2026 unverändert, Nullrunde). Für Kinder von 6–13 Jahren sind es 471 Euro. Der BMAS-Anteil für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke beträgt 34,7 % des Regelsatzes.

Daraus ergibt sich für Kinder unter 6 Jahren ein vorgesehener Ernährungsanteil von ca. 124 Euro monatlich — für Kinder von 6–13 Jahren ca. 163 Euro.



Tabelle 2: Kostenvergleich OMK vs. Bürgergeld-Ernährungsanteil

Position

Betrag / Monat

Lebensmittelkosten OMK (Marktpreise Supermarkt)

ca. 140–165 €

davon: Preisaufschlag Dorfladen / kleiner Laden (+30–50 %)

ca. 185–245 €

Bürgergeld-Ernährungsanteil Kind 0–5 Jahre (357 € × 34,7 %)

ca. 124 €

Bürgergeld-Ernährungsanteil Kind 6–13 Jahre (471 € × 34,7 %)

ca. 163 €

Fehlbetrag bei Dorfladeneinkauf (Kind 0–5 Jahre)

ca. 61–121 €



Bürgergeld-Regelsätze: BMAS 2025/2026 (Nullrunde). Ernährungsanteil nach BMAS-Regelbedarfsermittlung § 20 SGB II.

Dorfladen-Aufschlag basiert auf Verbraucherverbands-Erhebungen und eigener Plausibilitätsprüfung (30–50 % über Discounterpreis).

4. Methodenkritik: Warum der Regelsatz trotz rechnerischer Deckung nicht ausreicht

Die einzige bisher bekannte systematische Studie (Belgardt et al. 2025) kommt zu dem Ergebnis, dass das Bürgergeld die OMK-Kosten deckt. Diese Aussage ist jedoch an methodische Voraussetzungen geknüpft, die für arme Haushalte strukturell nicht erfüllbar sind:



Tabelle 3: Methodische Annahmen der Studie und strukturelle Widersprüche zur Realität armer Haushalte

Annahme der Studie

Kritik / Realität armer Haushalte

Niedrigste Regalpreise aus 1 Discounter + 1 Supermarkt in Bochum (Nov. 2022)

Arme Haushalte ohne Auto kaufen im Dorfladen, Spätkauf oder kleinen Supermarkt – dort 30–60 % teurer. Der Discounter ist für viele schlicht nicht erreichbar.

Preisbasis: Eigenmarken-Niedrigstpreis

Die OMK empfiehlt implizit Qualitätsprodukte: frisches Gemüse, Vollkornbrot, frischer Fisch. Diese kosten strukturell mehr als billigste Eigenmarken.

Gramm-genaue Bedarfsmengen als Berechnungsgrundlage

Lebensmittel werden packungsweise verkauft. Wer 50 g Fisch/Woche braucht, kauft 400-g-Packung. Der Mehrpreis verfällt oder der Bedarf wird nicht gedeckt.

Keine Lagerkosten, Abfall oder Verderb eingerechnet

Fehlende Vorratshaltung, kein Tiefkühlgerät, keine großen Gebinde: höherer effektiver Einheitspreis durch Kleinstmengen.

Alle Mahlzeiten selbst gekocht

Voraussetzt: Herd, Kochgeschirr, Zeit, Kochkenntnisse, kein Schulessen etc. – strukturell privilegierte Annahmen.

Soziale Teilhabe explizit ausgeklammert

Kinderschulausflug, Geburtstag, Kantinenessen: diese Kosten sind im Ernährungsanteil schlicht nicht vorgesehen.



5. Das strukturelle Problem: Die zirkuläre Berechnungsmethodik

Der Regelbedarf im Bürgergeld wird nicht anhand des tatsächlichen Bedarfs ermittelt, sondern auf Basis von Einkommens- und Verbrauchsstichproben der untersten 15–20 % der Einkommensbezieher. Dies ist methodisch zirkulär: Arme geben wenig aus, weil sie wenig haben — nicht weil sie wenig brauchen. Der auf dieser Basis berechnete Regelsatz bildet also ab, was Armutshaushalte sich leisten können, nicht was sie zum gesunden Leben benötigen.

Ein weiterer blinder Fleck: Obere Einkommenshaushalte wenden nach Angaben des Statistischen Bundesamts für Kinder im Vorschulalter durchschnittlich rund 900 Euro pro Monat auf — für alle Bedarfe einschließlich Ernährung, Kleidung, Bildung und Freizeitgestaltung. Dieser Betrag bildet den gesellschaftlich tatsächlich für notwendig erachteten Aufwand realistischer ab als der Regelsatz.

Zum Vergleich: Ein Heimplatz für ein Kind, das ohne Eltern aufwächst, kostet den Staat nach eigenen Angaben 4.000–6.000 Euro monatlich. Die Elternleistung wird mit 357 Euro für das Kind abgegolten.

6. Fazit

Eine DGE-konforme gesunde Ernährung für Kinder unter 6 Jahren kostet zu realen Supermarktpreisen ca. 140–165 Euro monatlich — ohne Verderb, Energiekosten und sonstige Nebenkosten. Wer auf einen Dorfladen oder kleinen Supermarkt angewiesen ist, weil kein Auto und kein Discounterzugang vorhanden ist, zahlt strukturell 30–50 % mehr: also ca. 185–245 Euro.

Der Bürgergeld-Ernährungsanteil für Kinder unter 6 Jahren beträgt ca. 124 Euro monatlich. Die Differenz zur Realität eines armen Haushalts ohne Discounterzugang beträgt damit schätzungsweise 60–120 Euro monatlich — allein für Lebensmittel.

Die viel zitierte Studie von Belgardt et al. (2025) kommt nur deshalb zu einem positiven Ergebnis, weil sie ausschließlich niedrigste Discounterpreise zugrunde legt, Packungsgrößen ignoriert, Verderb und Transportkosten ausklammert und soziale Teilhabe durch Ernährung explizit aus der Betrachtung ausschließt. Diese Einschränkungen sind im Text der Studie genannt — werden aber in der medialen Rezeption regelmäßig übergangen.

Die Frage, ob arme Kinder in Deutschland ausreichend gesund ernährt werden können, ist damit nicht beantwortet. Sie wird durch die zirkuläre Berechnungsmethodik des Regelbedarfs systematisch kleingerechnet.

7. Quellen

Belgardt AJ, Kersting M, Sinningen K et al. (2025): Kann das Bürgergeld die Lebensmittelkosten einer gesunden Ernährung von Kindern und Jugendlichen decken? Bundesgesundheitsblatt 68:160–166. DOI: 10.1007/s00103-024-04001-5

Kersting M, Kalhoff H, Lücke T (2017): Von Nährstoffen zu Lebensmitteln und Mahlzeiten: das Konzept der Optimierten Mischkost für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Aktuelle Ernährungsmedizin 42:304–315.

Forschungsinstitut für Kinderernährung / FKE Bochum: optimiX – Empfehlungen für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen (aktuelle Fassung).

BMAS (2025): Regelbedarfsstufen-Fortschreibungsverordnung. Bürgergeld-Regelsätze 2025/2026 (Nullrunde).

Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS). Ausgaben für Kinder nach Einkommensgruppen.

Verbraucherzentrale Bundesverband: Stellungnahmen zur Ernährungsarmut und Bürgergeld, 2023–2025.

Schiller, A. (2021): Bundesrat genehmigt 285 Euro Regelbedarf. publikum.net, 8. Oktober 2021.

 

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