Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Raum voller Dynamit. Überall sind Strickleitern gespannt, an denen brennende Kerzen baumeln. Und jemand hat gerade angefangen, „Streichholz“ zu flüstern. Willkommen in der Welt der Künstlichen Intelligenz im Jahr 2026.
Die KI-Industrie ist zum Herzstück der globalen Wirtschaft geworden – und das ist weniger ein Triumph als eine tickende Zeitbombe. Billionen von Dollar wurden in Technologie und Infrastruktur gepumpt. In den letzten Monaten des vergangenen Jahres stammte nach Schätzungen von Branchenbeobachtern ein erheblicher Teil des Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten aus KI-Investitionen[1]. Aber wie so oft bei Abhängigkeiten dieser Größenordnung: Wer alles auf eine Karte setzt, sollte sich sicher sein, dass die Karte nicht abhandenkommt.
Doch genau das droht nun zu geschehen.
Die Achillesferse am Persischen Golf
Die KI-Lieferkette ist ein filigranes Gebilde aus Chips, Rechenzentren und Turbinen, das auf wenige strategische Punkte auf der Weltkarte konzentriert ist. Besonders prekär: die Abhängigkeit vom Nahen Osten. Die Halbleiterfertigung in Südkorea und Taiwan – Heimat der beiden Unternehmen, die den Großteil der fortschrittlichsten KI-Chips produzieren – ist auf Rohöl und Flüssigerdgas aus dem Persischen Golf angewiesen. Hinzu kommen Helium, Schwefel und Brom, drei unverzichtbare Stoffe für die Chip-Produktion. Während Schwefel in der Lieferkette eine etwas weniger kritische Rolle spielt, sind Helium und Brom unmittelbar essenziell[2] – und beide stammen größtenteils aus der Region um den Persischen Golf bzw. aus Nachbarländern wie Israel und Jordanien.
Und dann ist da noch der Krieg im Iran. Die Straße von Hormus, jene lebenswichtige Schifffahrtsroute, durch die rund 34 Prozent des weltweiten Seehandels mit Rohöl und etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgas- (LNG‑)Handels fließen[3], ist für die meisten Schiffe praktisch geschlossen. Iran und Israel bombardieren die fossile Infrastruktur der Region – Anlagen, deren Wiederaufbau Jahre dauern wird.
Die Folgen sind bereits spürbar: Der Preis für Brent-Rohöl ist nach verschiedenen Berichten innerhalb eines Monats um 40 Prozent gestiegen und könnte sich verdoppeln[4]; Flüssiggas verteuert sich in Europa und Asien dramatisch, und die Helium-Spotpreise haben stark angezogen[5]. Und das ist erst der Anfang.
Wenn Chips zur Mangelware werden
Eine Helium-Knappheit würde unweigerlich zu Engpässen bei KI-Chips führen oder deren Preise explodieren lassen. Für die KI-Unternehmen, die ihre Rechenzentren mit immer fortschrittlicheren Chips bestücken müssen, wäre das verheerend. Die ohnehin schon unter den gestiegenen Energiekosten ächzenden Serverfarmen hätten dann kaum noch eine Chance, jemals profitabel zu werden.
„Die KI-Lieferkette ist nicht isoliert“, sagt Sam Winter-Levy vom Carnegie Endowment for International Peace[6]. „Die Meerenge ist entscheidend für praktisch jeden Aspekt der Weltwirtschaft.“
Das Kartenhaus der Finanzierung
Doch es kommt noch schlimmer. Die Tech-Giganten – Microsoft, Google (Alphabet), Meta, Amazon – haben in den vergangenen Jahren kollektiv fast 700 Milliarden Dollar in KI gesteckt, allein für 2026 sind ähnlich hohe Kapitalausgaben geplant[7]. Um diese astronomischen Summen zu stemmen, haben sie sich verschuldet. 121 Milliarden Dollar an Anleihen haben die sogenannten Hyperscaler allein im Jahr 2025 ausgegeben – viermal mehr als im Durchschnitt der Vorjahre[8].
Dahinter stehen Private-Equity-Firmen wie Blackstone oder BlackRock, die als eine Art Schattenbanken agieren und deren Macht an jene von Bear Stearns oder Lehman Brothers vor der Finanzkrise 2008 erinnert. Stiftungen, Pensionsfonds, Versicherungen – alle haben ihr Geld bei diesen Firmen angelegt.
Doch das Modell beginnt zu bröckeln. Während die Aktienkurse der Tech-Riesen lange bei jeder Investitionsankündigung stiegen, reagieren die Märkte heute mit Misstrauen. Seit Jahresbeginn haben mehrere große Hyperscaler und Chipkonzerne (darunter Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta, Nvidia und Oracle) zwischen rund 8 und 27 Prozent ihres Wertes eingebüßt[9]. Die Einnahmen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück.
Die Todespirale gegen Null
Dabei ist das Geschäftsmodell der KI-Industrie selbst deflationär. OpenAI, Anthropic und andere verkaufen „Tokens“ – die Bestandteile von Wörtern, die ihre Bots verarbeiten. Das Problem: Während Öl oder Stahl an Wert gewinnen oder halten können, sinken die Token-Preise rapide. Je besser die KI wird, desto billiger wird ihr Output.
Investor Paul Kedrosky[10] beschreibt die Dynamik als eine Art „Todesspirale gegen Null“: Wenn die Token nichts mehr wert sind, sinkt auch der Wert dessen, was die Rechenzentren produzieren können. Die negativen Stückkosten und der anhaltende Preisverfall machen es nahezu unmöglich, mit KI-Diensten allein die Milliarden-Investitionen zu rechtfertigen.
Physische Bedrohung
Hinzu kommen handfeste Sicherheitsrisiken. Rechenzentren sind „große, saftige Ziele“, warnte kürzlich Janet Egan vom Center for a New American Security[11]. Sie nehmen oft eine Fläche von fast 100.000 Quadratmetern ein – unmöglich zu verstecken. Vor wenigen Wochen bombardierte der Iran nachweislich Amazon-Rechenzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain[12].
Chip Usher vom Special Competitive Studies Project, einem Think Tank für nationale Sicherheit und KI, warnt: „Was hindert den Iran oder eine Stellvertretergruppe daran, morgen eine bewaffnete Drohne gegen ein Rechenzentrum in Nord-Virginia einzusetzen? Unsere Verteidigungsanlagen sind nicht angemessen.“[13]
Ein System, das zerbrechen muss
Die Verflechtungen sind atemberaubend. Katarisches und saudisches Geld versiegt. Energiepreise explodieren. Hoch verschuldete Hyperscaler können ihre Leasingraten nicht mehr zahlen. Private Kreditgeber geraten unter Druck. Tech-Bewertungen stürzen ab, reißen die öffentlichen Märkte mit sich. Banken, die an Private Equity verliehen haben, stehen vor dem Abgrund.
„Blasen platzen. Das ist das System“, sagt Brad Lipton vom Roosevelt Institute[14]. „Was nicht passieren sollte, ist, dass es das gesamte Finanzsystem mitreißt. Aber die Sorge hier ist, dass die KI-Investitionen nicht begrenzt sind und sich auf die gesamte Wirtschaft ausweiten könnten.“
Wer trägt die Schuld?
Ein Großteil der Verantwortung liegt bei den Technologieunternehmen selbst. Von Anfang an wurde der KI-Ausbau in zivilisatorischen Begriffen gerahmt – ein geopolitischer Wettlauf, der über die Zukunft der Menschheit entscheiden würde. Geschwindigkeit wurde über physische Sicherheit, über Lieferketten-Redundanz, über Energieeffizienz und sogar über finanzielle Vernunft gestellt.
Gleichzeitig buhlte die Branche um eine US-Regierung, die ihr „Einfach-laufen-lassen“-Ethos predigte – nur um nun zuzusehen, wie dieselbe Administration sie in die Polykrise stürzte.
Ausweg oder Abgrund?
Gibt es noch Hoffnung? Vielleicht. Die Ausgaben für Rechenzentren könnten sich allmählich abkühlen, ohne einen Crash auszulösen. Anthropic und OpenAI steigern ihre Einnahmen jedes Jahr, was Optimisten als Zeichen für künftige Profitabilität deuten.
Allerdings würde das noch Jahre dauern – und es gibt gute Gründe, an einem nachhaltigen Wachstum zu zweifeln. Ironischerweise ist der Hauptvorteil von KI-Tools „Effizienz“: Führungskräfte hoffen, mit weniger Personal auszukommen. Mittelfristiger Erfolg der generativen KI würde also Millionen von Arbeitsplätzen kosten.
Die Bandbreite der Szenarien reicht irgendwo von „leicht schlecht“ bis „historisch katastrophal“.
In der Finanzwelt gilt: Zu früh zu sein ist dasselbe wie falsch zu liegen. Die KI-Firmen wollen, dass die Welt denkt, sie seien genau richtig. Die Welt könnte andere Pläne haben.
