Das blinde Auge der Moralanalyse

 

Warum der Rechtsruck mehr ist als ein Charakterproblem – und warum das gefährlich ist zu ignorieren 

Andreas Püttmanns Artikel Rechte und Narzissmus in den Blättern für deutsche und internationale Politik verdient zunächst Respekt. Er schwimmt gegen den Strom. Er weigert sich, den Aufstieg der AfD allein mit dem Versagen der Ampelregierung oder mit Migration zu erklären. Er nimmt stattdessen die Wählerinnen und Wähler selbst in den Blick – ihr Anspruchsdenken, ihre moralische Stumpfheit, ihre narzisstische Egozentrik. Das ist unbequemer als das übliche Politiker-Bashing, und genau deshalb zunächst interessant.

Und doch stimmt etwas Grundlegendes nicht. Nicht weil Püttmann erfindet, was nicht existiert. Sondern weil er eine entscheidende Frage gar nicht stellt: Woher kommen Ressentiment und Wut überhaupt? Und wen übersieht er dabei vollständig?

Eine Analyse ohne Arme

Wer Püttmanns Text aufmerksam liest, stellt fest: Marginalisierte Gruppen kommen darin nicht vor. Arme, Obdachlose, Menschen in prekären Verhältnissen – sie tauchen mit keinem Wort auf. Das ist keine zufällige Auslassung. Es ist die logische Konsequenz seiner Methode. Püttmann analysiert eine Mittelschicht, die er psychologisch seziert, und erklärt ihre Ressentiments mit charakterlichen Defiziten. Wer wirklich unten ist, interessiert ihn nicht.

Das hat eine eigene Klassenpolitik. Ein gebildeter, katholisch sozialisierter Publizist schaut von oben auf ein Milieu, dessen Lebenswirklichkeit ihm fremd ist, und diagnostiziert: Narzissmus. Das ist intellektuell komfortabel. Es setzt den Analytiker ins Recht und die Analysierten ins Unrecht – ohne dass man sich fragen müsste, welche strukturellen Erfahrungen diese Menschen gemacht haben, bevor sie wütend wurden.

Was die Daten wirklich zeigen

Püttmann hat dabei nicht vollständig unrecht. Ja, AfD-Wählerinnen und -Wähler kommen überwiegend nicht aus den untersten zwanzig Prozent der Gesellschaft. Sie sind oft Mittelschicht – mittleres Haushaltseinkommen, mittlere Bildung, mittlere Stellung im Erwerbsleben. Und ja: Anspruchsdenken und Bereitschaft zur moralischen Stumpfheit gegenüber den Folgen der eigenen Wahlentscheidung sind empirisch messbar.

Aber was hat diese Mittelschicht in den vergangenen drei Jahrzehnten erlebt? Stagnierende Reallöhne, die erst in jüngster Zeit leicht anzogen – nach Jahren, in denen Produktivitätsgewinne fast vollständig in die oberen Einkommensschichten flossen. Explodierende Mieten in Städten und gleichzeitiger Infrastrukturverfall in strukturschwachen Regionen. Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses durch Leiharbeit, befristete Verträge und Plattformwirtschaft. Das DIW Berlin zeigte 2024, dass AfD und BSW besonders stark in Regionen mit niedrigen Einkommen und drohenden Arbeitsplatzverlusten durch Automatisierung abschneiden.

Das ist kein Charakterproblem. Das ist eine strukturelle Erfahrung.

Die nach unten fahrende Rolltreppe

Der Soziologe Oliver Nachtwey hat dafür ein treffendes Bild gefunden: die nach unten fahrende Rolltreppe. In der Abstiegsgesellschaft, so Nachtweys These, sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer Rolltreppe, die sich nach unten bewegt. Sie müssen rennen, nur um stehen zu bleiben. Sozialer Aufstieg bleibt zwar kulturelle Norm – aber er wird für immer mehr Menschen zur unerreichbaren Fiktion. Das erzeugt Wut. Nicht als psychologische Störung, sondern als nachvollziehbare Reaktion auf eine strukturelle Erfahrung.

Püttmanns Narzissmus-These kann nicht erklären, warum der Rechtsruck so synchron weltweit verläuft – in den USA, in Frankreich, in Schweden, in Italien, in Deutschland. Narzisstische Charakterdispositionen variieren nicht nach Ländern. Aber die Rolltreppe fährt überall nach unten. Das ist der länderübergreifende Faktor, der eine länderübergreifende Bewegung erklärt.

Der historische Spiegel – und warum er wehtut

Jetzt kommt der Teil, der in deutschen Debatten immer Unbehagen erzeugt. Der Vergleich mit der Weimarer Republik. Er wird reflexartig abgewehrt: Die AfD sei nicht die NSDAP, und wer vergleiche, verharmlose.

Beides ist falsch.

Die AfD ist nicht die NSDAP. Das stimmt. Sie operiert in einem anderen institutionellen Rahmen, in einer anderen historischen Situation, mit anderen Mitteln. Wer das gleichsetzt, argumentiert unredlich.

Aber: Gesellschaftliche Parallelen in der Mobilisierungsdynamik vor der Machtergreifung zu ignorieren ist keine historische Vorsicht. Es ist Gedankenlosigkeit.

Der Wahlsoziologe Jürgen W. Falter hat die Wählerstruktur der NSDAP in jahrzehntelanger Forschung präzise rekonstruiert. Sein zentrales Ergebnis: Die NSDAP war zunächst eine Mittelstandspartei. Handwerker, kleine Beamte, Landwirte – Menschen, die real oder gefühlt vom sozialen Abstieg bedroht waren. Falter charakterisiert die NSDAP treffend als „Volkspartei des Protests mit Mittelstandsbauch“. Erst in der Schlussphase, kurz vor und nach der Machtergreifung 1933, mobilisierte sie massiv aus dem Reservoir der bisherigen Nichtwähler und schließlich auch der unteren sozialen Schichten. Die Wahlbeteiligung bei der Reichstagswahl März 1933 erreichte mit 88,8 Prozent einen historischen Rekord.

Das Muster ist bekannt: Eine Bewegung beginnt in der verunsicherten Mittelschicht, gewinnt Fahrt, wird zur stärksten politischen Kraft – und zieht dann auch jene an, die sich bis dahin ferngehalten hatten. Nicht weil alle plötzlich überzeugte Ideologen werden, sondern weil Menschen dort sein wollen, wo die Mehrheit zu sein scheint. Weil Mitläufen sicherer erscheint als Widerstand. Weil die Frage, auf der richtigen Seite zu stehen, mit wachsendem Erfolg der Bewegung eine andere Antwort erhält.

Dieser Mechanismus ist nicht spezifisch für den Nationalsozialismus. Er ist eine soziologische Gesetzmäßigkeit. Und er sollte heute beunruhigen – nicht weil das Ende dasselbe wäre, sondern weil der Weg erschreckend vertraut aussieht.

Narzissmus als Symptom, nicht als Ursache

Das bedeutet nicht, dass Püttmann alles falsch sieht. Narzissmus, Anspruchsdenken, moralische Entwurzelung – diese Phänomene existieren. Aber er hat die Kausalrichtung verkehrt.

Abstiegsangst, Kontrollverlust, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und nicht mehr dazuzugehören – das sind Erfahrungen, die narzisstische Züge erst aktivieren oder verstärken können. Wer sich chronisch übergangen fühlt, reagiert mit Anspruchsdenken. Wer keine anerkannte Rolle mehr findet, sucht sich eine – notfalls in einer Bewegung, die ihm sagt, dass er eigentlich das Volk verkörpert und die anderen das Problem sind.

Püttmann behandelt das Symptom als Ursache. Das ist analytisch bequem, politisch aber wertlos. Denn was folgt daraus? Mehr Kirche? Bessere Erziehung? Das sind keine Antworten auf ein politisches Problem. Eine Analyse, die nur auf den Charakter der Wählerinnen und Wähler schaut, entlastet die Strukturen, die das Ressentiment erzeugen – und endet in politischer Hilflosigkeit.

Was fehlt und was nötig wäre

Was in Püttmanns Analyse vollständig fehlt, ist die Frage nach denen, die in dieser Gesellschaft wirklich unten sind – und die dennoch nicht in erster Linie AfD wählen. Die untersten zwanzig Prozent nach Einkommen, Menschen ohne festen Wohnsitz, in dauerhafter Armut Lebende: Sie sind in Püttmanns Text schlicht nicht vorhanden. Das ist kein Zufall. Wer strukturelle Benachteiligung als Erklärung für Ressentiment ablehnt, muss konsequenterweise auch diejenigen übersehen, die am stärksten benachteiligt sind.

Eine ernsthafte Analyse des Rechtsrucks muss beide Fragen stellen: Was haben Menschen erlebt? Und wie verarbeiten sie es? Die erste Frage beantwortet die Soziologie und die Strukturpolitik. Die zweite die Psychologie. Püttmann beantwortet nur die zweite – und wundert sich dann, warum seine Antwort so wenig politisch trägt.

Demokratie zu verteidigen bedeutet nicht, Wählerinnen und Wähler rechter Parteien moralisch abzuschreiben. Es bedeutet, die Strukturen zu benennen und zu verändern, die Ressentiment und Abstiegsangst erzeugen. Solange das ausbleibt, wird die Rolltreppe weiter nach unten fahren – und immer mehr Menschen werden nach jemandem suchen, der ihnen erklärt, wer schuld ist.

Der Unterschied zwischen damals und heute liegt nicht darin, dass wir immun wären. Er liegt darin, dass wir noch Zeit haben, ihn zu erkennen.

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