Die Leiter hinabsteigen: Warum Widerstand nicht siegen muss, um richtig zu sein
Wer die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den Augen eines naiven Optimisten betrachtet, könnte zu einem bitteren Schluss kommen: Der Widerstand gegen das Böse war oft ein utilitaristisches Desaster.
Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl und die Männer des 20. Juli wollten dem Regime das Handwerk legen und bezahlten dafür mit dem Leben. Thomas Mann und Marlene Dietrich wirkten aus dem Exil, er mit seinen Radioansprachen an die Deutschen, sie mit Auftritten vor alliierten Truppen[1]. Sie alle wollten helfen, das Unheil zu beenden. Verhindern konnten sie den Massenmord nicht. Die sechs Millionen ermordeten Juden[2] blieben tot, und kein einziges Flugblatt der Weißen Rose hat auch nur einen von ihnen zurück ins Leben geholt[3]. Das NS-Regime und seine unzähligen Helfer haben diesen Mord begangen, und was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen.
Für einen Dritten, der moralisches Handeln nur nach seinem Erfolg bemisst, ist der Widerstand dieser Menschen also letztlich „egal“. Der Tod lässt sich nicht rückgängig machen.
Doch genau hier beginnt das Missverständnis. Denn wer so denkt, steht ganz oben auf einer Leiter und weigert sich hinabzusteigen.
Die Leiter und der Abgrund
Es gibt einen Satz, der diesen Gedanken auf den Punkt bringt: „Du musst die Leiter durchschritten haben, um das zu verstehen.“ Er lehnt sich an ein berühmtes Bild der Philosophie an, die Leiter, die man hinaufsteigt und dann wegwirft[4]. Diese hier führt in die andere Richtung, hinab.
Es ist die Leiter in die Abgründe des Systems: Obdachlosigkeit, die Mühlen der Grundsicherung[5], politische Ohnmacht, die Wüste. Es ist die Leiter, die ich in 100 Kieselsteinchen beschreibe[6], ein Leben voller Brüche, in dem man lernt, dass das Gesetz oft nur die Kälte ist. Ich sage nicht, dass nur mitreden darf, wer sie hinabgestiegen ist. Aber wer sie Sprosse für Sprosse gegangen ist, weiß: Es geht nicht um den Sieg. Es geht um die Haltung.
Das bittere Lied der „guten Mächte“
Nehmen wir Dietrich Bonhoeffer. Im Dezember 1944, im Kellergefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße, schreibt er das Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, als Neujahrsgruß an seine Verlobte und seine Familie[7]. Zum Lied wurde es erst später durch Vertonungen[8].
Wer es nur als schönes Kirchenlied kennt, hört den Ton nicht, in dem es geschrieben wurde. Bonhoeffer war nicht nur ein Zeuge des Widerstands, sondern Teil der Verschwörung um Canaris und Oster. Er half, Juden in die Schweiz zu retten[9], und handelte, auch wenn der Erfolg ungewiss blieb. Im April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg erhängt[10].
Das Gedicht ist ein Text des Gottvertrauens („wir erwarten getrost, was kommen mag“). Ich lese es trotzdem auch als trotziges Festhalten an der eigenen Menschlichkeit inmitten der Barbarei: Es verspricht keine Rettung, aber es lässt sich die Würde nicht nehmen. Das ist meine Lesart. Bitter ist es, weil es von der Ohnmacht des Guten weiß, und genau darin liegt seine unzerstörbare Würde.
Die Ökonomie der Würde
Hier greift eine Ethik zu kurz, die den Wert einer Handlung allein am tatsächlichen Erfolg misst. Streng genommen ist das nicht einmal der Utilitarismus, der den erwarteten Nutzen abwägt. Max Weber hat den Gegensatz von Gesinnungs- und Verantwortungsethik beschrieben und am Ende doch den Satz gesetzt, der nach allem Abwägen bleibt: „Dennoch!“[11]
Und der Widerstand war nicht wirkungslos. Das letzte Flugblatt der Weißen Rose wurde nach England geschmuggelt und im Sommer 1943 von alliierten Flugzeugen über Deutschland abgeworfen[12]. Aber selbst wenn es nichts bewirkt hätte, hätten die Scholls etwas anderes erreicht: Sie haben verhindert, dass sie selbst zu einem Teil der Kälte wurden.
Wo wir schweigen, weil der Kampf aussichtslos scheint, überlassen wir dem System das Feld. Das gilt nicht überall und nicht für jeden; wer unter Todesgefahr schweigt, ist kein Komplize. Aber wo wir sprechen können und es tun, auch wenn uns niemand hört, beweisen wir, dass das System nicht allumfassend ist. Wir beweisen, dass es noch Menschen gibt, die den Algorithmus der Entmenschlichung nicht akzeptieren.
Wer heute auf Social Media einen 29-teiligen Thread über die Rechtslage des politischen Streiks verfasst, folgt derselben Logik wie Bonhoeffer im Gefängnis, nur zu einem ungleich kleineren Preis. Er schreibt nicht, weil er glaubt, dass die herrschende Meinung morgen kippt. Er schreibt, weil er es nicht erträgt, dass die Lüge unwidersprochen bleibt.
Die Welle und der Kieselstein
Das ist das Geheimnis der Kieselsteine. Man wirft sie ins Wasser, obwohl man weiß, dass die Welle irgendwann ausläuft. Man schreibt Bücher, von denen man weiß, dass sie keine Millionenauflagen erreichen werden. Man schickt juristische Rants in die Weiten des Internets, in der Hoffnung, dass ein einziger Mensch sie liest.
Die Welt retten? Vielleicht nicht. Aber die Verantwortung tragen.
Das mag nach Resignation klingen, nach einer traurigen Kapitulation vor der Übermacht der Geschichte. Doch tatsächlich ist es das Gegenteil. Václav Havel hat Hoffnung nicht als Optimismus verstanden, sondern als die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, gleichgültig, wie es ausgeht[13]. Das ist die radikalste Form der Hoffnung.
Es ist das Wissen: Der Tod lässt sich nicht rückgängig machen, die Weltgeschichte ist grausam, das System ist kalt – aber trotzdem. Trotzdem schreiben wir. Trotzdem sprechen wir. Trotzdem steigen wir die Leiter hinab, in der Hoffnung, dass am Ende nicht die Kälte das letzte Wort hat, sondern die leisen Stimmen derer, die nicht geschwiegen haben.
Das ist der bittere Trost der guten Mächte. Und genau das ist der Kern des Buches Trotzdem[14].
Anmerkungen
- Thomas Mann sprach von 1940 bis 1945 in monatlichen Rundfunkansprachen über die BBC zu den Deutschen: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland. Marlene Dietrich nahm 1939 die US-Staatsbürgerschaft an und trat im Zweiten Weltkrieg vor alliierten Truppen auf. Beide überlebten, anders als Bonhoeffer und die Mitglieder der Weißen Rose. ↩
- Rund sechs Millionen jüdische Opfer; Angabe nach Yad Vashem und dem United States Holocaust Memorial Museum. Die Verantwortung trugen nicht nur Hitler und Goebbels, sondern ein ganzer Apparat aus SS, Polizei, Wehrmacht und Verwaltung (u. a. Himmler, Heydrich, Eichmann). ↩
- Zur Weißen Rose gehörten Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Prof. Kurt Huber. Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst wurden am 18. Februar 1943 verhaftet und am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim hingerichtet. Quelle: Weiße Rose Stiftung e. V., München. ↩
- Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 6.54: Wer den Satz verstanden hat, wirft die Leiter weg, auf der er hinaufgestiegen ist. Der Satz „Du musst die Leiter durchschritten haben …“ ist eine Anlehnung an dieses Bild, die Formulierung und der Gedanke stammen vom Autor. ↩
- Gemeint ist die frühere „Hartz IV“-Grundsicherung (Arbeitslosengeld II). Sie wurde zum 1. Januar 2023 durch das Bürgergeld ersetzt; als Chiffre für das Erleben von Ämtern und Sanktionen wird der Begriff weiter verwendet. Den aktuellen Stand der Reform bitte vor Veröffentlichung prüfen. ↩
- Arnold Schiller, 100 Kieselsteinchen, epubli, in mehreren Ausgaben erhältlich (u. a. ISBN 978-3-565-07221-7 und 978-3-565-06485-4): epubli-Shop. Weitere Titel des Autors: Autorenseite bei epubli. ↩
- Das Gedicht entstand um den 19. Dezember 1944 in der Haft im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in der Prinz-Albrecht-Straße, Berlin, und war ein Neujahrsgruß an Maria von Wedemeyer und die Familie. Abgedruckt in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, hg. v. Eberhard Bethge (zuerst 1951); Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), Bd. 8. ↩
- Bekannte Vertonungen: Otto Abel (1959) und Siegfried Fietz (1970); die Melodie von Fietz ist heute die verbreitetste. Bitte vor Veröffentlichung gegen eine zuverlässige Quelle prüfen. ↩
- „Unternehmen 7“ (1942): Rettung einer Gruppe jüdischer Menschen in die Schweiz durch die Abwehr, an der Bonhoeffer beteiligt war. Zur Verschwörung um Wilhelm Canaris und Hans Oster siehe die Bonhoeffer-Biografie von Eberhard Bethge. ↩
- Hinrichtung am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg nach einem SS-Standgericht. Quelle: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. ↩
- Max Weber, Politik als Beruf (1919); dort die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik und der Schluss mit dem „Dennoch!“. ↩
- Das Flugblatt der Weißen Rose wurde über Skandinavien nach England gebracht und von den Alliierten 1943 abgeworfen. Quelle: Weiße Rose Stiftung e. V. / Gedenkstätte Deutscher Widerstand. ↩
- Václav Havel, Fernverhör (engl. Disturbing the Peace, 1986). Den genauen Wortlaut und die Seite bitte im Original nachschlagen. ↩
- Arnold Schiller, Trotzdem, epubli (E-Book, ISBN 978-3-565-30103-4): epubli-Shop. ↩

