Biermann

Der Mann, der sich nicht zur Ruhe setzt

Wolf Biermann bei Sandra Maischberger, Sendung vom 13. Oktober. Die Zeitangaben in den Fußnoten beziehen sich auf die laufende Sendung.

Es ist, als hätte jemand das Alter vergessen, nur eben nicht Wolf Biermann. Kaum ist die Ansage verklungen, steht Sandra Maischberger links vom Moderationstisch auf und geht ihm entgegen. Er kommt von hinter der Bühne herein, behände wie ein Junger, ein Mann von 89, der im November 90 wird und davon nichts wissen will. „Hallo nochmal“, sagt sie beim Handschlag.1 „Danke“, antwortet er, knapp, als nähme er nur entgegen, was ihm ohnehin zusteht.

Applaus. Die beiden gehen zu den zwei Stühlen, die man von Maischbergers Einzelinterviews kennt. „Wie toll“, sagt sie,2 und Biermann nimmt das als Einladung. Er dreht sich mit seinem Drehstuhl hin und her, freudig wie ein Kind, kehrt der Kamera kurz den Rücken zu, dann wieder das Gesicht, und erst danach wendet er sich ihr zu. Der Mann, über dessen Leben gleich Stasi, Politbüro und der Hamburger Feuersturm verhandelt werden, beginnt das Gespräch mit einer Runde auf dem Bürostuhl.

Zwei Männer in einem

Ob Berlin für ihn ein Zuhause sei, fragt Maischberger.3 „Ja und nein“, sagt Biermann, ein wenig gelangweilt im Ton, beinahe rückfragend, als wäre die Antwort keine Auskunft, sondern eine Verlegenheit. Dann holt er aus, und plötzlich sind sie zu zweit. Der Wolf sei ein Hamburger Fischkopf, erklärt er, und der Biermann, der sei ein Berliner. Er spricht von beiden wie von zwei Männern, die sich kennen, aber nicht ständig zusammen auftreten. Den Biermann, groß geschrieben, habe erst die DDR aus ihm gemacht, genauer die Partei, die ihn verbot und gegen deren Diktatur er seine Lieder schrieb. Angefangen habe er allerdings mit Liebesliedern. Und der Streit mit den Unterdrückern sei ja auch eine Art Liebesbeziehung, mit Hass, Wut und Enttäuschung.

Dieser Satz ist der Schlüssel zum ganzen Abend. Biermann redet über Politik wie über Beziehungen, über Diktatoren wie über Ex-Partner, die man nicht loswird. Das macht ihn unterhaltsam, und es macht ihn schwer zu widerlegen.

Die alten Feinde

Maischberger hält ihm sein Wort von 2014 vor, die Linke sei „Drachenbrut“, und fragt, ob die heutige Partei, die in Berlin die nächste Regierende Bürgermeisterin stellen könnte, noch etwas mit der SED zu tun habe.4 Biermann räumt ein, dass die Leute andere und jünger seien. Aber sie stünden in der Tradition, sie hätten die Diktatur geistig, moralisch und auch finanziell geerbt. Dafür habe sein „treuer alter Feind“ Gregor Gysi gesorgt.5

Interessant ist, was er dabei auslässt. Über Gysis Stasi-Vergangenheit will er ausdrücklich nicht reden, sie interessiere ihn nicht. Er habe Freunde gehabt, die bei der Stasi waren und aufrichtiger gewesen seien als manche, die es nicht waren. Wer so rechne, spiele „Mensch ärgere dich nicht“ statt Schach. Sein Vorwurf ist ein anderer: Gysi habe dafür gesorgt, dass die Partei als dieselbe Rechtsperson fortbestand und ihr Vermögen behielt, den „Raub aus der Diktatur“. Wer Biermann für einen simplen Antikommunisten hält, wird hier eines Besseren belehrt.

Der Rauswurf, der Glück war

1976, nach zwölf Jahren Auftrittsverbot, in denen er im Zimmer gesungen hatte, durfte Biermann in Köln auftreten.6 Im Einspieler sieht man die Halle, im Studio erinnert er sich an seinen „Bammel“ vor den 6.500 Zuschauern, die ihm dann gar nicht übergroß vorkamen, wohl weil er zwölf Jahre lang nur im Zimmer gesungen hatte. Danach wurde er ausgebürgert.

Damit gerechnet habe man schon, erzählt er. Man habe lange diskutiert, ob er fahren solle, und sei sich einig gewesen, dass sie sich das nicht trauen würden. Es sei ein „Beispiel für echte Dialektik“, dass es teurer wurde, als die Mächtigen gedacht hatten. Nach seiner Darstellung entschied das Politbüro mit zwei Stimmen Mehrheit, ihn lieber auszusperren als einzusperren, also Westen statt Bautzen, und die beiden Stimmen seien „Erich und Erich“ gewesen, Honecker und Mielke.7 „Das war mein Glück“, sagt er. Er erzählt das mit sichtlichem Vergnügen am Absurden, so wie er auch Honeckers Sturz Ulbrichts als Rahmen dafür nutzt. Hier spricht der Dialektiker, der der Geschichte noch im Rückblick eine Pointe abgewinnt.

Angst und Hass

Maischberger zitiert aus seinem Tagebuch, das von 1961 bis 1990 reicht und im Zuge seines 90. Geburtstags erscheint, neben einem Dokumentarfilm und zwei weiteren Büchern: „Ich habe Angst, ich habe Hass. Wenn der Hass nicht größer bleibt als die Angst, werde ich verrückt.“8 Biermanns Antwort ist eine der leiseren Passagen des Abends. Wer keine Angst habe, sei ein Idiot, weil er sich nicht vorstellen könne, was ihm blüht. Entscheidend sei, ob man die Angst habe oder ob die Angst einen habe. Er zögert dabei hörbar. Viele seien kaputtgegangen, die der Sache durchaus gewachsen waren, sagt er.

Dass sein Vater ein jüdischer Kommunist war, aus dem Gefängnis entlassen und nach Auschwitz gebracht wurde, bleibt eine knappe Randbemerkung,9 fast eine Notiz am Rand. Die Mutter, ebenfalls Kommunistin, habe ihn 1953 mit 16 in die DDR geschickt. „Freiwillig ist untertrieben“, sagt er.

Die Mauer, die er begrüßte

Warum er 1961 den Mauerbau richtig fand, will Maischberger wissen. Seine Antwort ist unbequem ehrlich: Leute wie er hätten die Mauer „schrecklich und richtig“ gefunden,10 weil sie hofften, endlich unter sich Klartext reden zu können, ohne den Druck aus dem Westen. Das habe sich schnell als Illusion erwiesen.

Als die Mauer dann fiel, sei er überrascht gewesen, er habe geglaubt, die DDR halte hundert Jahre. Sich zu irren sei schön, schöner noch, wenn man dazu beigetragen habe, und das habe er mit seinen Liedern getan. Auf der anderen Seite steht der Vorwurf, den er 1990 den Ostdeutschen im Publikum machte: Die meisten hätten sich arrangiert.11 Maischberger fragt, ob man das den Menschen vorwerfen könne. Biermann sagt, es sei ein Menschenrecht, feige zu sein, aber ebenso eines, die Wahrheit zu sagen. Die meisten hätten hinter der Gardine gestanden, auch in Leipzig, und spazieren gegangen seien sie erst, weil Gorbatschow die Revolution von oben angestoßen habe. Wer am meisten Angst hatte, sei das Politbüro gewesen, vor dem eigenen Volk und vor Moskau.12

Liebespaare der Geschichte

Der politisch brisanteste Moment kommt, als Maischberger nach den Anträgen von BSW und AfD in Sachsen-Anhalt fragt, die ein Ende des Wirtschaftskriegs gegen Russland und der Ukraine-Hilfe fordern.13 Biermann findet es „wunderbar und lehrreich“: Die AfD als Erbin der Nazi-Diktatur und das BSW, aber auch die Linken, als Erben der DDR hielten zusammen. Das sei wie eine Geschichtslektion, ein Liebespaar, „einer des anderen Strafe“. Maischberger merkt an, dass die Betroffenen widersprechen würden. Das ist ein Urteil, das nach einer Pointe klingt, aber als Behauptung dasteht und im Gespräch nicht weiter geprüft wird.

Er wechselt dann zu seinem neuen Lied, einer Moritat über historische Liebespaare: Adam und Eva, Romeo und Julia, Josef und Adolf, Trump und Putin.14 Sie endet beim „bedeutendsten historischen Liebespaar“, Pamela und Wolf, seiner Frau. Der Spott auf die Mächtigen und die Zärtlichkeit für das eigene Privatleben stehen in einem einzigen Atemzug.

Der Gescheite, der sich irrte

Besonders aufschlussreich ist, wie er mit seiner eigenen Putin-Einschätzung umgeht. Schon 2007 hatte er vor dem „Gasmann Schröders“ gewarnt, der den blutigen Stalin kopiere.15 Er erklärt das nicht mit Klugheit, sondern mit seinem Schicksal: Wer zwei deutsche Diktaturen erlebt habe, lasse sich von den Erscheinungsformen der dritten nicht blenden. Dann gesteht er einen Moment der Selbstzweifel: Er habe sich geschämt, ein Lied mit dem Titel „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ geschrieben zu haben und dem Mann keine Wandlung zuzutrauen. Er habe seine Warnung korrigiert, und dann habe Putin den Krieg in der Ukraine begonnen. „Leider, leider, leider musste ich meine Korrektur korrigieren.“16

Das ist der vielleicht ehrlichste Satz des Abends, weil er zeigt, dass Biermann sich selbst genauso misstraut wie den anderen.

Friedhofsfrieden

Zum Schluss führt Maischberger das Argument derer an, die „Frieden um jeden Preis“ fordern, und erinnert an den Feuersturm in Hamburg 1943, den er als Sechsjähriger erlebte und bei dem seine Mutter ihn durch ein Fleet schwimmend rettete.17 Er habe nichts vergessen, sagt Biermann. Und er hält dagegen: Hätte Churchill über Frieden verhandelt, säßen sie nicht hier. Frieden ohne Wahrheit und Freiheit sei ein „Friedhofsfrieden“, nur eine neue Form der Unterdrückung.18 Wer das vorschlage, dem gelte sein altes Lied „Bist du so dumm oder tust du nur so?“.

Dann ist die Zeit um. „Sind wir schon vorbei?“, fragt Biermann.19 Es ist eine Frage, die jeder ihm abnimmt: dass er gern noch weitergemacht hätte. Wer ihn hören und sehen will, wie er sich dreht, abwinkt und lacht, findet das Gespräch in der Mediathek.

Anmerkungen

  1. Begrüßung, Sendung ca. Minute 54:24. ↩
  2. „Wie toll“, Sendung ca. Minute 54:31. ↩
  3. Frage nach dem Zuhause, Sendung ca. Minute 54:58. ↩
  4. „Drachenbrut“ und die SED-Nachfolge, Sendung ca. Minute 56:16. ↩
  5. Gysi als „treuer alter Feind“, Sendung ca. Minute 56:50. ↩
  6. Kölner Konzert 1976, Sendung ca. Minute 58:03. ↩
  7. „Erich und Erich“, Honecker und Mielke, Sendung ca. Minute 61:27. ↩
  8. Tagebuch-Zitat, Sendung ca. Minute 62:23. ↩
  9. Der Vater und Auschwitz, Sendung ca. Minute 63:11. ↩
  10. Mauerbau 1961, Sendung ca. Minute 63:57. ↩
  11. Vorwurf an die Ostdeutschen, Sendung ca. Minute 65:02. ↩
  12. Angst des Politbüros, Sendung ca. Minute 66:32. ↩
  13. BSW- und AfD-Antrag, Sendung ca. Minute 68:16. ↩
  14. Moritat von den Liebespaaren, Sendung ca. Minute 69:22. ↩
  15. Putin-Warnung 2007, Sendung ca. Minute 70:24. ↩
  16. „Korrektur korrigieren“, Sendung ca. Minute 72:35. ↩
  17. Feuersturm Hamburg 1943, Sendung ca. Minute 72:46. ↩
  18. Friedhofsfrieden, Sendung ca. Minute 73:59. ↩
  19. „Sind wir schon vorbei?“, Sendung ca. Minute 74:47. ↩

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