Die Mathematik der Dummheit

Warum „Remigration“ das Gesundheitssystem sofort kollabieren lässt

München. Drei Menschen leben in einem Haushalt dieser Stadt. Alle drei sind nach deutschem Recht Deutsche. Zwei von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Klingt nach einem Rätsel? Ist es nicht. Ein Ehemann (deutsch, kein Migrationshintergrund), seine Ehefrau (durch Heirat mit einem Bayern nach bayerischer Verfassung zur „Bajuwarin“ geworden – mit Migrationshintergrund), ihr gemeinsames Kind (ebenso). Ein Haushalt, zwei Geschichten.

Was hier wie eine persönliche Fußnote klingt, ist auf die gesamte Republik hochgerechnet die Normalität. Und sie ist die schärfste Waffe gegen die Forderung nach „Remigration“ – jener politischen Nebelkerze, die mal nur Asylbewerber, mal alle ohne Pass, mal alle mit Migrationshintergrund meint.

Das Problem: Wer in Deutschland die Pflege betreibt, wer die Kliniken am Laufen hält, hat diese Unschärfe längst hinter sich gelassen. Die Fakten sind glasklar.

1. Die Pflege steht nur noch dank Einwanderung

32 Prozent aller Pflegekräfte in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte. Jede dritte. In der Altenpflege sind es 37,4 Prozent. Jede fünfte Pflegekraft (17,8 Prozent) besitzt nicht einmal die deutsche Staatsangehörigkeit – viermal so viele wie 2013.

Aber das Entscheidende: Seit 2022 wird das gesamte Beschäftigungswachstum in der Pflege ausschließlich von ausländischen Kräften getragen. Die Zahl der deutschen Pflegekräfte sinkt. Die deutschen Pflegekräfte werden älter, viele gehen in Rente. Die Lücke ist jetzt schon da.

Wer also „Remigration“ fordert, müsste sagen: Welche 18 Prozent der Pflegekräfte sollen gehen? Die auf der Intensivstation? Die in der Demenzstation? Oder die 15,6 Prozent aller Ärzte ohne deutschen Pass – darunter fast 6.600 syrische Ärztinnen und Ärzte, die in Thüringen auf dem Land ganze Häuser am Laufen halten? (In Hildburghausen haben 80 Prozent der Ärzte Migrationshintergrund.)

2. Die Lücke, die niemand stopfen kann

Selbst wenn man wollte: Die Pflegelücke bis 2049 wird selbst im besten Fall 280.000 bis 690.000 Fachkräfte betragen. Schon 2034 fehlen rund 90.000. Mit „Remigration“ wäre diese Lücke nicht in 20 Jahren da – sondern am nächsten Montag.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert daher das Gegenteil: 1,6 Millionen zugewanderte Arbeitskräfte in den nächsten vier Jahren. 400.000 netto pro Jahr.

3. Auch der Staat kassiert ein Eigentor

Jede 10.000 einwandernde Arbeitskräfte spülen 164 Millionen Euro Mehreinnahmen in die Sozialversicherung. Das schätzt die Bundesregierung selbst. „Remigration“ wäre also nicht nur ein personelles Desaster, sondern auch fiskalischer Wahnsinn.

4. Die bewusste Unschärfe des Begriffs

Das ist der zentrale Punkt, der in der Debatte untergeht: „Remigration“ wird mal eng (nur abgelehnte Asylbewerber), mal mittel (alle ohne deutschen Pass) und mal extrem weit gefasst (alle mit Migrationshintergrund).

Der Unterschied zwischen „nur“ ohne Pass (18 % der Pflegekräfte) und „mit Migrationshintergrund“ (32 % der Pflegekräfte) sind Hunderttausende Menschen. Darunter Eingebürgerte, deren Eltern zugewandert sind – Menschen wie die Ehefrau aus dem Münchner Haushalt, die per bayerischer Verfassung eine „Bajuwarin“ ist und dennoch nach den Kriterien mancher Remigrationsbefürworter „nicht dazugehören“ würde.

Der Kern

Remigration ist keine Lösung. Sie ist eine politische Fantasie, die an der Realität des deutschen Arbeitsmarktes zerschellt. Nicht aus Ideologie, sondern aus purer Mathematik. Wer die Pflege nicht sofort zusammenbrechen lassen will, kann nicht gegen die Einwanderung wettern, die sie am Laufen hält.

Und wer in München lebt, sieht es jeden Tag: Jeder zweite Münchner hat einen Migrationshintergrund. Das ist keine Bedrohung. Das ist der Grund, warum die Stadt funktioniert.

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