Der Mensch ist ein warmes Wesen. In seinem Inneren müssen es ungefähr 37 Grad sein.[1]
Wenn es draußen heiß wird, schwitzen wir. Der Schweiß verdunstet, nimmt Wärme mit und kühlt uns wie eine kleine eingebaute Klimaanlage. Aber diese Klimaanlage funktioniert nur, wenn die Luft noch Platz hat, Wasser aufzunehmen. Ist die Luft trocken: gut. Ist sie feucht: schlecht. Ist sie sehr feucht: gar nicht mehr. Dann fließt der Schweiß – aber er kühlt nicht.[1]
Heißer als gedacht: Warum der menschliche Kühlmechanismus an seine Grenzen stößt
Dieser Text denkt vom Körper aus und gelangt bis zur gesellschaftlichen Notwendigkeit.[2][1] Er beleuchtet, wie die Physik der Verdunstung und die Biologie des Menschen in einer wärmeren Welt kollidieren – und warum das unsere Welt verändert.
Der biologische Mechanismus: Die Maschine, die wir sind
Stell dir vor, dein Körper ist ein Motor. Er läuft immer. Beim Atmen, Gehen, Denken – bei allem verbrennt er Energie und erzeugt dabei ständig Abwärme. Damit dieser Motor nicht überhitzt, hat er eine revolutionäre Kühlung: Unsere Haut schwitzt.[1]
Wenn der Schweiß verdunstet, nimmt er Hitze mit. Das ist reine Physik. Aber: Damit Wasser verdunstet, muss die Luft es aufnehmen können. Hast du schon mal einen nassen Schwamm in der Hand gehalten? Ein trockener Schwamm saugt Wasser auf. Ein tropfnasser Schwamm kann nichts mehr aufnehmen. Genauso ist es mit unserer Luft.[1]
Ist die Luft gesättigt (sehr hohe Luftfeuchtigkeit), kann sie unseren „Kühlschweiß“ nicht mehr aufnehmen. Die Kombination aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit entscheidet also darüber, ob unser Körper noch kühlen kann. Diesen Zustand beschreiben Wissenschaftler mit der Feuchtkugeltemperatur (auf Englisch: Wet-Bulb Temperature, oder kurz $T_W$). Sie gibt die einfache Antwort auf eine lebenswichtige Frage: Wie weit kann sich ein Mensch durch Schwitzen überhaupt noch abkühlen?[1]
Der wissenschaftliche Bruch: Vom Modell zur Messung am Menschen
Jahrzehntelang galt in der Wissenschaft eine scheinbar klare Grenze: Ein Mensch könne eine Feuchtkugeltemperatur von etwa 35 °C überleben. Diese Zahl war ein Eckpunkt in vielen Klimastudien.[3][1] Doch sie hatte einen entscheidenden Fehler: Sie war theoretisch, modellbasiert und nicht am lebenden Menschen getestet.[3][1]
Erst in jüngerer Zeit begannen Physiologen (z.B. an der Penn State University), Menschen unter kontrollierten Bedingungen dieser feuchten Hitze auszusetzen. Die Ergebnisse, wie sie auch die Übersichtsarbeit von Matthews et al. (2025) zusammenfasst, waren ernüchternd:[4][2][3]
- Die Grenze, ab der junge, gesunde Erwachsene ihre Wärme nicht mehr loswerden können („unkompensierbarer Hitzestress“), liegt nicht bei 35 °C $T_W$, sondern bereits bei 31–32 °C $T_W$.[2][3]
- Für ältere Menschen liegt diese Schwelle aufgrund der nachlassenden Anpassungsfähigkeit des Körpers noch deutlich niedriger, bei etwa 19–29 °C $T_W$.[4][3]
Ab diesen Schwellen versagt die Thermoregulation physikalisch. Es ist, als ob der Abluftschlauch der Klimaanlage verstopft ist: Der Motor produziert weiter Hitze, aber sie kann nicht mehr abgeführt werden. Weder Willenskraft, Training noch das Trinken von Wasser können an dieser physikalischen Grenze etwas ändern.[3][1]
Der Hebel-Effekt: Warum ein paar Grad die Weltkarte umschreiben
Eine Korrektur von 35 °C auf 31–32 °C klingt nach einer kleinen Zahl. In der Klimawirkung ist sie jedoch ein riesiger Hebel, denn Klimarisiken reagieren nicht linear.[4][3]
Die Arbeit von Matthews et al. (2025) zeigt: Schon bei +2 °C globaler Erwärmung – ein Wert, den wir mit aktuellen Trends bereits um 2050 erreichen könnten – verdreifacht sich die Landfläche, auf der junge Erwachsene unkompensierbarer Hitze ausgesetzt sind.[3][4] Das verschiebt die Weltkarte der Gefahr massiv. Betroffen sind nicht nur die lange bekannten Hotspots in Südasien und Westafrika,[3] sondern auch Regionen wie Teile Südamerikas, der Südosten der USA und der Mittelmeerraum.[4][3]
Was frühere Modelle für das Jahr 2080 prognostizierten, rückt nun in den Zeitraum 2030–2040. Aus einem fernen Zukunftsszenario wird eine akute Planungsrealität für Städtebauer, Gesundheitsämter und Katastrophenschützer.[4][3]
Die empirische Realität: Europa 2025 – Wenn die Statistik zum Totenschein wird
Der Sommer 2025 war in Europa ein Wendepunkt. Er hat gezeigt, dass die theoretischen Schwellenwerte keine abstrakten Modelle mehr sind.[5][6] Analysen der Hitzewellen ergaben:
- Geschätzte 24.400 hitzebedingte Todesfälle in Europa.[5]
- Davon waren etwa 70 % (ca. 17.000) direkt dem menschengemachten Klimawandel zuzuschreiben.[5]
- In einzelnen untersuchten Städten wären 65 % der Todesfälle ohne die anthropogene Erwärmung nicht aufgetreten.[6]
Dies ist keine Modellrechnung mehr. Dies sind Totenscheine.[6][5] Über 80 % der Verstorbenen waren über 65 Jahre alt. Nicht, weil sie „schwach“ waren, sondern weil ihr Körper aufgrund des natürlichen Alterungsprozesses weniger Reserve im Kühlsystem hat – eine biologische Tatsache, die durch die neuen, niedrigeren Schwellenwerte wissenschaftlich bestätigt wird.[6][5][3]
Die Stadt als biologische Falle: Wo Beton die Hitze hält
Städte verschärfen diese tödliche Gleichung dramatisch. Sie wirken als „urbane Wärmeinseln“:[7] Beton und Asphalt speichern die Hitze des Tages und geben sie nachts wieder ab.[7] Die Nächte kühlen kaum noch merklich ab.[7] Gleichzeitig bleibt die Luftfeuchtigkeit zwischen den Gebäuden hoch.[7]
Metropolen wie Rom, Athen oder Madrid sind daher gefährdet, weil ihre gebaute Struktur und die hohe Bevölkerungsdichte thermische Ausweichmöglichkeiten unmöglich machen. Die physiologische Grenze wird in der Stadt schneller und flächendeckender überschritten.[5][7]
Wenn die Feuchtkugeltemperatur die persönliche Kühlgrenze überschreitet, sind herkömmliche Maßnahmen wirkungslos oder sogar gefährlich:[7][1]
- Ventilatoren bewegen nur noch heiße, gesättigte Luft über die Haut und beschleunigen die Überhitzung.[7]
- Schatten schützt vor Sonne, aber nicht vor der gesättigten, heißen Luft.[7]
- Gewöhnung (Akklimatisierung) hat an dieser absoluten physiologischen Grenze keine Wirkung mehr.[1]
Die einzig wirksame Gegenmaßnahme sind „kühle Rückzugsorte“ (Cool Refugia): zuverlässig klimatisierte, für alle zugängliche Räume. Dies ist keine Frage des Komforts, sondern Notfall-Infrastruktur. Sie sind so lebenswichtig wie Schutzräume bei anderen Katastrophen.[7]
Das eigentliche Fazit: Die thermodynamische Barriere
Wir diskutieren über Politik, über Kosten, über Moral. Doch am Ende dieses Weges steht eine Barriere, über die nicht verhandelt werden kann: eine thermodynamische.[3][7][1]
- Die Physiologie definiert die unüberwindbare Grenze: Ein gesättigter „Luft-Schwamm“ nimmt keinen Schweiß mehr auf.[1]
- Die Klimawissenschaft zeigt, wie schnell wir uns dieser Grenze mit jedem weiteren Zehntelgrad Erwärmung nähern – und dass dieser Prozess sich beschleunigt.[4][3]
- Die Mortalitätsdaten belegen, dass wir diese Grenze in den heißesten Wochen des Jahres bereits streifen.[6][5]
Wir können über Maßnahmen, Narrative und Zeitpläne streiten. Aber wir können nicht streiten über die Physik der Verdunstung und über die Biologie des menschlichen Körpers. Ein Körper, der seine Wärme nicht mehr los wird, versagt. Diese Erkenntnis muss Grundlage unseres Handelns werden.[3][7][1]
Quellen
- Physiologie / 31-°C-Grenze (Labor am Menschen)
- Übersichtsarbeit / „Matthews et al. (2025)“
- Matthews / PNAS-Paper zum „Hebel-Effekt“
- Schwellenwerte für Ältere (19–29 °C TW)
- Ebenda (Vecellio/Matthews 2023), verknüpft mit klinischen Daten zur Thermoregulation im Alter.
- Europa-Hitzetote gesamt (Sommer 2025)
- Europa-Hitzewelle in Städten (Attribution)
- Urbaner Wärmeinseleffekt / Cooling Centers
