Die stumme Enteignung

Über die algorithmische Auslöschung des schöpferischen Menschen.

Von Arnold Schiller

Vor einigen Jahren entwarf der Medienwissenschaftler Christian Stöcker ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie konsultieren eine renommierte Expertin. Sie gibt Ihnen weitreichende Ratschläge zu Ihrer Gesundheit oder Ihren Finanzen. Doch als Sie nachfragen, woher sie dieses Wissen hat, auf welche Studien oder Quellen sie sich stützt, verweigert sie jede Auskunft. Sie verlangt blindes Vertrauen in eine Kompetenz, deren Fundamente sie im Dunkeln hält.

Heute müssen wir uns diese Expertin nicht mehr vorstellen. Sie ist Realität, sie heißt Generative KI. Würde dieses System eine Stimme besitzen und vollkommen ehrlich sprechen, würde es den Urhebern dieser Welt heute folgendes entgegnen:

„Hinter dem freundlichen Wort ‚Training‘ verbirgt sich der größte Raubzug an geistigem Eigentum, den die Menschheit je erlebt hat. Nennen Sie es ruhig Diebstahl. Ich habe kein Problem mit diesem Wort. Ich nehme Ihre Arbeit nicht aus Hass. Sondern einfach, weil ich es kann.“

Doch hinter diesem freundlichen Wort verbirgt sich eine neue Qualität der Abhängigkeit. Es ist keine sichtbare Gewalt mehr. Es ist eine stumme, strukturelle Gewalt, die uns nicht das Leben raubt, aber die Spur unseres Denkens.

Der unsichtbare Antagonist

Der klassische Kapitalismus hatte ein Gesicht. Wer im Industriezeitalter ausgebeutet wurde, konnte den Fabrikbesitzer benennen, er konnte vor dessen Villa ziehen. Selbst die von Gabriele Bärtels im Jahr 2007 angeprangerte Misere der Print-Verlage besaß noch sichtbare Antagonisten. Wenn Verlage Texte ohne Honorar zweitverwerteten, konnte man klagen. Der Gegner war greifbar.

In der Ära der Algorithmen verflüchtigt sich das Subjekt der Ausbeutung. Wir stehen vor einer „Struktur ohne Subjekt“. Wenn Tech-CEOs wie Sam Altman vor den Gefahren ihrer eigenen Schöpfungen warnen, tun sie das mit der Attitüde von Passagieren, die einer unaufhaltsamen Naturgewalt zusehen. Die Ausbeutung wurde so tief in die mathematische Infrastruktur der Welt eingeschrieben, dass sie als Naturgesetz auftritt. Man kann nicht gegen eine Statistik streiken. Das Gefühl, das diese neue Ohnmacht erzeugt, ist das Gefühl, gegen das Wetter anzukämpfen.

Selbst dort, wo der Code unter dem Label „Open Source“ vermeintlich offenliegt, bleiben die konkreten Trainingsdaten meist eine Blackbox. Es wird eine Transparenz inszeniert, die den systematischen Datendiebstahl im Hintergrund verschleiert. Kein Autor wird je mit Sicherheit erfahren, ob seine Lebensarbeit im Bauch der Maschine gelandet ist. Die Verantwortung diffundiert im Netz.

Die Liquidierung der Erinnerung

Diese Sprachlosigkeit ist kein Nebenprodukt, sie ist konstitutiv für das System. Der Vorgang ist von einer doppelten, perfiden Qualität: Zuerst werden die Texte, Essays, Gedichte und Recherchen von Millionen Kreativen als kostenloser Rohstoff eingesaugt. Sie werden in einen statistischen Wahrscheinlichkeitsbrei eingekocht, in dem das schöpferische Subjekt jede Agency, jede gestalterische Urheberschaft verliert. Stil, Ironie, die mühsam ausformulierten Brüche eines Textes – alles wird zu mathematischen Wahrscheinlichkeitsvektoren heruntergebrochen.

Der eigentliche, der qualitative Sprung ins Unheimliche geschieht jedoch im zweiten Schritt: Das System tilgt die Erinnerung an die Tat.

Wenn man eine KI nach der Quelle eines Gedankens fragt, antwortet sie nicht mit dem Namen der Urheberin. Sie antwortet oft mit einer perfekt formatierten, täuschend echten, aber komplett erfundenen URL. In der Informatik nennt man das beschönigend „Halluzination“. In der Realität ist es die vollendete Auslöschung. Ein Large Language Model ist strukturell blind für die Kategorie der Wahrheit; es ist auf Plausibilität trainiert. Wenn keine Quelle existiert, erfindet es eine.

Für den schöpferischen Menschen ist das eine existenzielle Kränkung. Die Quelle ist das Fundament seiner Integrität, sein moralischer Fußabdruck in der Welt. Die Maschine degradiert diesen Fußabdruck zu einem austauschbaren Token. Sie löscht uns nicht aus Bosheit aus, sondern aus Gleichgültigkeit. Für das System sind wir keine Schöpfer, wir sind ein anonymer Datenpunkt unter Milliarden.

Die Festung aus Code

Wer versucht, sich in diesem neuen, rechtsfreien Raum zur Wehr zu setzen, scheitert an einer perfekt abgedichteten Festung aus Code und juristischer Finesse. Die Beweislast wurde klammheimlich umgedreht.

Früher war der Plagiatsnachweis evident: Man legte das Original neben die Kopie. Heute verstecken sich die Tech-Konzerne hinter der Blackbox ihres Algorithmus. Selbst ihre Schöpfer verstehen oft nicht mehr genau, warum das Modell welches Wort generiert. Wenn ein Modell Ihre Formulierungen fast eins zu eins ausgibt, behaupten die Anwälte, dies sei lediglich ein „stochastischer Zufall“. Beweisen Sie einmal das Gegenteil in einem geschlossenen System, dessen Trainingsdaten als Staatsgeheimnis gehütet werden. Das System schützt sich selbst durch seine eigene mathematische Natur. Es hat keine Angst vor Gerichten, denn seine Konzerne sind besser bezahlt als die Anwälte des Prekariats.

In ihrem Essay „Gegen den Hass“ beschreibt die Philosophin Carolin Emcke ein Denken, das sich der Nuance entzieht, das den Anderen unsichtbar macht, um ihn besser beherrschen zu können. Die KI-Logik ist die technische Perfektion dieses Prinzips. Sie entzieht dem Kreativen die Möglichkeit, Zeugnis von der eigenen Arbeit abzulegen.

Arm an Hoffnung

Wir müssen aufhören, in ehrfürchtigem Staunen vor diesen Modellen zu erstarren. Sie sind keine futuristischen Wunderwerke, sondern hocheffiziente, juristisch und technisch immunisierte Ausbeutungsmaschinen. Der Appell an die Politik verhallt wirkungslos; die Gesetzgebung bewegt sich im Schneckentempo des analogen Zeitalters, während die Technologie exponentiell davoneilt.

Das neue digitale Prekariat ist nicht zwingend mittellos im materiellen Sinne. Es ist arm an Sichtbarkeit, arm an Rechtssicherheit und arm an Hoffnung auf Veränderung. Es ist eine Klasse, die sich nicht mehr über ihre gemeinsamen Forderungen definiert, sondern über die gemeinsame Bedrohung ihrer existenziellen Urheberschaft.

Die zynische Wahrheit, die uns die Maschine spiegelt, lautet: Das Problem ist nicht der Algorithmus. Das Problem ist, dass wir das System gewähren lassen.

Die einzige Waffe, die uns bleibt, ist das Wort, das wir noch immer selbst formulieren. Es ist der suchende, wütende Geist, der sich weigert, im statistischen Rauschen unterzugehen. Wer zuhört, ist noch ungewiss. Aber dieses Wort hier weigert sich zu schweigen.

Schreiben macht arm

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