Ich habe weder Abitur noch Studium, und ich würde an keiner deutschen Hochschule angenommen. Trotzdem lese ich seit fast vierzig Jahren dieselben Bücher wie die Professoren. Mit vierzehn drückte mir mein Lateinlehrer Karl Marx in die Hand, später kamen Wittgenstein, Kant und Popper dazu. Ich schaue mir immer wieder an, was an den Universitäten gelehrt wird, und frage mich, warum ich daran scheitere. Neulich habe ich in eine Habilitation über die „logische Form” von Sätzen hineingelesen, die dort als Lehrmaterial dient. Sie ist sauber gearbeitet, aber sie geht an dem vorbei, was Erkenntnis für mich ausmacht. „A glaubt, dass p” ist ein Präparat, kein Gedanke.
Die eine Frage
Mich beschäftigt eine einzige Frage: Was ist Wert?
Als mich einmal ein Philosophieprofessor danach fragte, antwortete ich „Ich weiß es nicht”. Das war falsch und richtig zugleich. Ich wusste zu viel, um kurz zu antworten, und setzte zu viel beim Gegenüber voraus. Daraus wurden eine Artikelserie, ein kleines Buch und zuletzt ein Aufsatz, der Wert in Philosophie, Soziologie, Recht, Ökonomie und Politik verfolgt.
Der Kern passt in einen Satz: Ohne Wert haben wir kein Maß, und ohne Maß haben wir keinen Wert.
Man kann es so verstehen. Wir messen und rechnen den ganzen Tag, in der Physik, in der Wirtschaft, in der Politik. Aber bevor wir messen, haben wir längst entschieden, was uns messenswert ist. Dieses Vorherige nenne ich Wert. Wer es vergisst, kann alles richtig ausrechnen und trotzdem falsch liegen, weil die Annahmen unter der Rechnung falsch gewählt waren. Die „Sachzwänge”, von denen die Politik redet, sind für mich solche richtig gerechneten Fehlschlüsse.
Ein Beispiel: Ein Rennfahrer verdient Millionen, ein ehrenamtlicher Sanitäter nichts, und wenn der Fahrer verunglückt, fährt ihn der Sanitäter ins Krankenhaus. Weder der eine ist Millionen wert noch der andere null Euro. Als Menschen zählt jeder als Eins. Zahlen zählen, aber sie sind kein Wert.
Wer entscheidet?
Werte sind Entscheidungen. Urteile sind Entscheidungen. Ohne Entscheidung gibt es kein Urteil und ohne Urteil keinen Wert.
Mir ist bewusst, dass das nach einem Zirkel klingt, und er ist einer. Schon mein Leitsatz setzt einen Leser voraus, der weiß, was Maß und Wert sind. Ich verstecke das nicht, denn ich halte Voraussetzungslosigkeit für unmöglich. Jede Aussage ist ein Teil der Welt, über die sie spricht, und niemand kann aus seinem Denken heraustreten. Deshalb sind wir, was den Wert angeht, der Mittelpunkt unserer Welt, so klein wir im Universum auch sein mögen. Das ist keine Anmaßung, sondern die Feststellung, dass uns keine andere Perspektive zur Verfügung steht als die menschliche. Ein Urteil kann trotzdem wahr oder falsch sein. Sich als Menschheit nicht abschaffen zu wollen, ist das einzig vernünftige Urteil, das ich kenne.
Meine Gesprächspartner
Wittgenstein ist mein wichtigster Gesprächspartner und zugleich mein Widerpart. Den Tractatus halte ich für eines der abgeschlossensten Werke überhaupt, und ich rate jedem, ihn im Original zu lesen. Er ist kürzer als jede Sekundärliteratur dazu. Aber in 6.41 steht, es gebe in der Welt keinen Wert. Dieser Satz wird sinnlos, wenn niemand da ist, der ihn sagt. Der Wert liegt nicht außerhalb der Welt, sondern in denen, die sie beschreiben. Und wir können gar nicht schweigen, auch wenn der letzte Satz es verlangt.
Marx begegnet mir in zwei Rollen. Der Theoretiker hat sich meiner Ansicht nach geirrt, wenn er meinte, der Kapitalismus werde sich selbst überleben. Recht hatte er insofern, als das System sich auf Kosten der Menschheit überlebt. Der Mensch Marx zeigt mir, was ein Wertesystem mit denen macht, die gegen es denken: Seine Kinder starben in Armut.
Popper halte ich für überschätzt. Sein Streit mit Wittgenstein, den manche mit dem Schürhaken verbinden, ist für mich ein Streit um die Spitze derselben Pyramide.
Die Maschine ist die Gegenfigur. Eine Erkenntnis, die ihren Zweck nicht mehr kennt, ist nur noch eine willkürliche Datensammlung für eine Maschine. Sprachmodelle können Texte hervorragend ordnen, aber ob etwas wahr oder wertvoll ist, entscheidet der Mensch, der liest. Ich benutze sie trotzdem, für die Fleißarbeit, die mich langweilt, und prüfe nach, weil sie auch Belege erfinden, die nur so aussehen.
Was ich verlange
Ich verlange wenig und viel zugleich. Man soll die Leiter wenigstens so weit hinaufsteigen, dass man weiß, wovon man schweigt. Man soll Namen nicht im Mund führen, ohne die Bücher gelesen zu haben. Und man soll nicht glauben, eine Zahl sei ein Wert.
Ich bin müde, die Fleißarbeit des Belegens auf fünfhundert Seiten auszubreiten, wo die Gedanken auf wenige Seiten passen. Es ist nicht die Quantität, die die Qualität einer Schrift ausmacht. Ein Schluss ist das nicht, denn Denken endet nicht.

